Stirbt das Handwerk aus?

Im Rahmen meiner Sommertour war ich zu Besuch bei Fliesenlegermeister Biedermann und seiner Frau in Bad Tabarz. Die beiden haben mich eingeladen, um mit mir über die Zukunft des Handwerks zu reden. Herr Biedermann hat in Friedrichroda mein Bad saniert. Bei Kaffee und Kuchen erfuhr ich einiges über die Herausforderungen, denen sich Handwerksbetriebe in der Region stellen müssen. Das gravierendste Problem ist inzwischen die Nachwuchsgewinnung. Die beiden erzählten mir, wie sie den Betrieb nach der Wende aufgebaut haben. Jetzt stellt sich für sie die Frage der Nachfolge. Leider verfolgen die eigenen Kinder andere Pläne. Auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war bisher niemand willens, den Betrieb zu übernehmen. Der Meister beklagt, dass immer weniger junge Leute eine Ausbildung im Handwerk anstreben. Ein Bürojob in der Wirtschaft oder Verwaltung erscheine attraktiver. Das finde auch ich bedauerlich, denn das Handwerk ist schon lange keine Knochenarbeit mehr. Und es besteht die Möglichkeit, sein eigener Chef zu werden. Aber unternehmerische Verantwortung zu übernehmen, sei nicht mehr beliebt. So hat sich der Meister schweren Herzens dazu entschieden, den Betrieb in den nächsten Jahren runter zufahren und zu schließen. Er will aber auf jeden Fall noch so lange weitermachen, bis auch sein einziger noch verbliebener Mitarbeiter ebenfalls in Rente geht. Er habe ihm seit der Wende die Treue gehalten und immer eine perfekte Arbeit abgeliefert. „Ich will nicht, dass er auf seine alten Tage noch bei einem anonymen Großbetrieb anheuern muss“ so der Meister. Das ist typisch fürs Handwerk. Man begreift sich als Familie. Miteinander arbeiten heißt auch füreinander da sein. So kenne ich das von zuhause, denn auch mein Vater war selbständiger Handwerksmeister. Schade, dass diese Tradition langsam verschwindet. Ich werde mich dafür einsetzen, die duale Ausbildung zu stärken und Handwerksbetriebe bei der Nachwuchsgewinnung zu unterstützen. Das fängt schon in der Schule an. Ein handwerklicher Beruf bietet heute viel Karrierechancen und gute Verdienstmöglichkeiten. Das wissen viele Jugendliche nicht. Eine Bitte gab der Meister mir noch mit: Die Meisterausbildung sollte genauso wie das Studium kostenlos sein. Eine gute Anregung.